Tübinger Poetik-Dozentur


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Poetik-Dozentur Archiv:

Yoko Tawada (Frühjahr 1998)

Es gibt nicht nur traditionelle Geister, sondern immer wieder neue. Die Computer-Geister kenne ich seit zwei Jahren. Damals kaufte ich mir einen Computer, mit dem man nicht nur Deutsch, sondern auch japanische Texte mit ungefähr 8500 Schriftzeichen schreiben kann. Der Techniker, der mir damals das Gerät verkaufte, erzählte mir vom "Buchstabengespenst".
Mit dem Programm könne man sich grundsätzlich ohne Probleme zwischen zwei Schriftsystemen bewegen, nur manchmal gerate man plötzlich ins Japanische. Das Phänomen bezeichne man als Buchstabengespenster.

Stimme eines Vogels

Leseprobe:
"E-Mail für japanische Gespenster"
Aus: "Verwandlungen", Abdruck der Poetik-Vorlesungen von Yoko Tawada im Frühjahr 1998, erschienen im Konkursbuchverlag, Tübingen 1998, S.41ff

Verwandlung
Als ich zum ersten Mal mit eigenen Augen diese Gespenster sah, waren sie mir unheimlich. Damals verwandelten sich plötzlich deutsche Umlaute in Kombination mit "f" oder "ch" in Ideogramme. Jubeln, Peinigen und Niesen bedeuteten diese Schriftzeichen, die mitten im Text auftauchten. Es war, als wollten die kleinen Gespenster, die unter der Textoberfläche leben, mich peinigen und dabei jubeln.
Das Gesicht des Fisches Wenn unter jedem deutschen Text, den ich schreibe, zahllose ideographische Gespenster leben würden, die durch irgendeinen Anlaß auf der Oberfläche erscheinen könnten. - Diese Vorstellung beunruhigte mich, bis ich auf die Idee kam, daß die Gespenster eventuell Bilder, Rhythmus und Bewegungsarten verkörpern, die ich - um einen verständlichen deutschen Text zu schreiben - unterdrücken mußte.
Jeder Buchstabe ist wie der Rücken einer Person. Er kann sich jede Zeit umdrehen. Ein Autor, der glaubt, sein eigener Text müßte ihm bis zum letzten Buchstaben vertraut sein, täuscht sich: Wenn ein Buchstabe sich umdreht, wird ein fremdes Gesicht sichtbar. Die Buchstaben im Bildschirm Feuersind einerseits leicht zu löschen, andererseits ist man nie sicher, ob sie wirklich verschwunden sind oder ob sie sich nur im Meer versteckt haben und unerwartet wieder auftauchen könnten. Diese Unsicherheit gibt es beim Löschen mit Tipp-Ex oder mit dem Radiergummi nicht, weil die Spur der Korrektur mehr oder weniger sichtbar bleibt. Das Tipp-Ex hinterläßt einen Schneehügel. Was den Radiergummi betrifft, erinnert die Spur des Bleistifts an eine alte Narbe auf der Haut: Sie glänzt, wenn sie von der Seite beleuchtet wird.

Diese Spuren waren aber für meinen Großvater, der immer mit dem Pinsel schrieb, nicht deutlich genug. Was einmal geschrieben sei, solle man nicht tilgen, sagte er. Wenn er sich verschrieb, strich er das Wort durch und setzte ein neues daneben. Er schrieb mit PinselZunge und Tusche, so daß das Schreiben automatisch einen rituellen Charakter bekam.
Zuerst muß man mit einer winzigen Kanne in die Vertiefung des Tuschreibsteins etwas kaltes Wasser geben. Dann reibt man darin ein Stück Tusche so lange, bis das Wasserdunkelschwarz wird. Es dauert eine Weile. Man taucht dann den Pinsel vorsichtig in die Tusche ein. Für jedes Schriftzeichen ist die Reihenfolge, nach der die Striche gezogen werden müssen, festgelegt. Die Buchstaben auf dem Bildschirm wirken auf mich gespenstischer als eine Pinselschrift Frau auf dem Papier, denn sie sind da und doch nicht da. Sie sind nur Schatten auf der Oberfläche des elektronischen Wassers oder Erinnerungen an Gegenstände, die einmal im Wasser verlorengegangen sind. Sie haben kein Gewicht und können jetzt hier sein und im nächsten Moment an einem entfernten Ort in einem anderen Computer erscheinen, so wie Geister es können.


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