Poetik-Dozentur
Archiv:
Yoko Tawada (Frühjahr
1998)
"Die
Bilder haben immer - direkt oder indirekt - mit der optischen
Wahrnehmung zu tun. Ich möchte aber Europa nicht mehr optisch,
sondern mit meiner Zunge wahrnehmen. Wenn meine Zunge Europa schmeckt
und Europa spricht, könnte ich vielleicht die Grenze zwischen
Betrachter und Objekt überschreiten. Denn das Gegessene kommt
in den Magen hinein und das Gesprochene gelangt durch das Gehirn
ins Fleisch. (...)
Diese
Sprache, mit der ich jetzt über Europa rede, ist auch eine
europäische Sprache. Nicht nur die Sprache, sondern vielleicht
auch die Argumentationsfiguren und der Tonfall gehören zu
Europa und nicht zu mir. Kaum fange ich an, über Europa zu
sprechen, wiederhole ich sie. Deshalb höre ich auf zu sprechen.
Ich muß mir eine andere Methode überlegen, mit ihr
umgehen zu können."
(Aus
Talisman, Konkursbuchverlag 1996, S.50)