Poetik-Dozentur
Archiv:
Andrzej Szczypiorski (Sommer
1998)
Die
Welt log. Jeder Blick tückisch, jede Geste niederträchtig,
jeder Schritt gemein. Gott hatte die schwerste Prüfung zurückgehalten,
das Joch der Sprache. Noch hatte er die Meute der unermüdlichen,
mit dem Schaum der Heuchelei bedeckten Wörter nicht von der
Kette gelassen. Die Wörter kläfften hier und da, kraftlos
an der Leine. Nicht die Wörter töteten damals, erst
später sollte aus ihnen eine Mörderbande erwachsen.
Das Joch der Wörter war noch nicht gekommen, als sich Bronek
Blutman vor dem Angesicht Stucklers befand. Stuckler stand im
hellen Fensterrechteck. Draußen vor dem Fenster bewegte
sich ein frisch begrünter Zweig im Wind.
"Sie
hat gelogen", sagte Blutman. "Ich kenne sie aus der
Zeit vor dem Krieg."
Stuckler
schüttelte den Kopf.
"Ein
Jude darf die Worte eines Deutschen nicht in Zweifel ziehen",
sagte er ruhig. "Es geht nicht um den Irrtum, obwohl keiner
passieren darf, sondern um den Trotz und die Selbstsicherheit."
"Herr Sturmführer, mein Gedächtnis trügt nicht.
Bevor wir hierher kamen, hat sie überhaupt nicht so getan,
als ob..."
Stuckler schlug ihm ins Gesicht. Bronek Blutman trat zurück,
ließ den Kopf sinken und verstummte. Die Welt log. Ihre
Fundamente waren von Lüge, Hinterlist und Gemeinheit zerfressen.
Die Doppeldeutigkeit der Lüge, ihre Vieldeutigkeit und Vielfalt
machten ihn schwindlig. Eine Unmenge Verräterreien und Erniedrigungen.
Die Unterschiedlichkeit der Verfahren, Methoden und Verkörperungen
des Verrats. Ich habe diese Jüdin verraten, aber auch sie
mich. Das hat nicht einmal Christus voraus- gesehen. Er war gradlinig.
Zu Judas sagte er: "Mein Freund" und Petrus rief er
zu "Hebe dich, Satan, von mir!" Vielleicht war das seine
Art von Humor?
Aus
dem Roman:
"Die
schöne Frau Seidenman"
Die
schöne Frau Seidenman von Anrdrzej Szczypiorski ist 1991
im Diogenes-Verlag, Zürich erschienen. Zitat ab S. 219f