Poetik-Dozentur
Archiv:
Gerhard Köpf
(Frühjahr 1999)
Ein
guter Geschichtenerzähler ist wie ein Barpianist.
Und Barpianist, das war immer mein Traumberuf.
Der Barpianist ist die Verkörperung von Eleganz und Diskretion,
und er ist ein Experte für Seifenblasen und längst zerplatzte
Illusionen.Sein Geklimper mag einer Art von Unterwassermalerei
gleichen, doch hier werden keine Noten gespielt, sondern Geschichten
erzählt.Jeder, der auch nur halb hinhört, unternimmt
augenblicklich einen leicht verträumten Spaziergang durch
Melodien und Harmonien wie aus alten Zeiten. Und schon ist er
seinen besseren Erinnerungen ins Netz gegangen. Immer wieder schleichen
die Finger des Barpianisten langsam über das Piano, als müßten
sie das welke Laub vergangener Tage von den Tasten wischen. Leicht,
als hätten sie das Gewicht von Rauch, wandern die Hände
über Ebenholz und Elfenbein, bleiben hier und dort eine Weile
ermattet liegen, um kurz darauf wieder weiterzustreunen und sich
im unverfänglich vagen einer heiteren Resignation zu verlieren.
Von seinem Tastenspielplatz aus, dieser uneinnehmbaren Festung,
überblickt der Barpianist den gesamten Raum. Als hätte
er Röntgenaugen, sieht er jedem seine Freude an, seinen Kummer
und seine Niedertracht. Jedem könnte er auf den Kopf zusagen,
daß er das Glück an der falschen Stelle sucht, weil
er genau weiß, daß alle das Glück immer dort
suchen, wo es garantiert nicht zu finden ist. Mit einem guten
Barpianisten wird einem die Zeit nie zu lang. Doch sobald sein
Dienst zu Ende ist, stiehlt er sich in unauffällig samtenen
Halbtonschritten davon, holt den Tastendeckel ein, als wär's
ein Brotkasten, setzt in auf und schließt ab. Wieder ist
ein Tag vorbei und der Ewigkeit näher, an dem er mit seinem
Spiel Geschichten über These Foolish Things erzählt,
an dem er mal beschwingt, mal verhalten ein paar Geheimnisse in
seinen Improvisationen ausgeplaudert und damit ganz nebenbei jenen
Zauberteppich geknüpft hat, auf dem wir manchmal ein wenig
fliegen können.
Aus:
"Unterwassermalerei"